Bau der Alsenzbahn

Im Jahre 1860 etwa war der Bahnfernverkehr in Deutschland schon soweit ausgedehnt, dass Schnellzüge weit entfernte Gegenden einander nahe brachten, ja man suchte neue Verbindungslinien zur Kürzung der Fahrzeit zu schaffen. Eine solche sollte die "Donnersbergbahn" (die heutige Alsenzbahn) werden. Bereits 1860 gab es einen durchgehenden Schnellzug Köln bis Basel, der rheinaufwärts bis in das rheinhessische Gebiet fuhr und von hier aus dann seine Fahrstrecke südwärts fand. Ende der 1860er Jahre plante man diese Strecke ab Bingen in Richtung Donnersberg zu nehmen, um damit Fahrzeit einzusparen. Die Strecke sollte das Alsenztal hinaufgehen, südlich von Enkenbach aber unmittelbar in das Tal des Hochspeyerbachs einfahren, um Richtung Neustadt die Rheinebene zu erreichen. Dieser Plan wurde dadurch geändert, dass in Richtung Fischbach eine zweite Trasse Hochspeyer erreichen und damit auch Kaiserslautern als ein Ziel für Lokalzüge Enkenbach-Hochspeyer-Barbarossastadt werden konnte. Immerhin war Kaiserslautern eine Stadt von nahezu 17.000 Einwohnern.

Die Gesamtstrecke war in vier Sektionen eingeteilt, die erste war in Hochspeyer angesiedelt, wo von hier aus es nordwärts zu bauen war. Hier galt es auch die Wasserscheide bei Fischbach durch einen Tunnel zu überwinden. Leiter dieser Sektion war hier der Oberingenieur Wilhelm Opfermann. Man wird vermuten dürfen, dass der obenerwähnte Schnellzug in Enkenbach schon damals, 1871, hielt, um die vorgenannte Strecke nach Hochspeyer dem Reisenden zu ermöglichen. Damals wird im Volksmund die Bezeichnung dieses Fernzuges als "Orientexpress" aufgekommen sein. Denn er fuhr wenigstens nach Basel, von wo aus Verbindungen abgingen in die damals noch weiter westlich gelegene europäische Türkei. Am 21. August 1870 durchfuhr eine Lokomotive probeweise durch den vorerwähnten Tunnel. Ab 20. Oktober konnte die Strecke Hochspeyer-Winnweiler schon befahren werden.

Der siegreiche Ausgang des Krieges 1870/71 gegen Frankreich förderte den gewerblichen und industriellen Aufbau der Barbarossastadt. Es wurde nun die Forderung in Bürgerkreisen erhoben, von Kaiserslautern aus unmittelbar Enkenbach zu erreichen. Die Stadt förderte solches Vorhaben und stellte Gelände zu Verfügung, besonders für den Schienenweg vom heutigen Hauptbahnhof zum späteren Nordbahnhof. Der 1835 angelegte Friedhof konnte nicht erweitert und ein neuer mußte angelegt werden. Die Kosten für den Bau der Trasse betrug 1 1/5 Millionen Gulden (was 1874 bei Einführung der Mark eine Summe war von etwa 2 Millionen Mark). So konnte der Plan, einen neuen Bahnhof (später 1879 erstellt) zu bauen, nur teilweise ermöglicht werden.

Dieser Zubringer "Kaiserslautern nach Enkenbach" wurde am 15. Mai 1875 eröffnet. Der Verschönerungsverein ließ ab Ende 1874 den (heute längst verschwundenen) "Barbarosspark" errichten, um den Tourismus von der Stadt zur Eselsfürth zu beleben. Am Tage vor der Eröffnung wurde im Umfeld des neuerbauten "Nordbahnhofs" (damals kleines Gebäude) Fahnenschmuck an Häusern angebracht. Am frühen Morgen des Eröffnungstages wurden am Rotenberg Böller bei Zugankunft abgeschossen. Der Zug fuhr vom "Südbahnhof" (heutiger Hauptbahnhof dort) um 5 Uhr 30 Minuten ab und erreichte seinen ersten Halt nach 10 Minuten, wo eine "ungeheure" Menge ihn erwartete. Im Zug waren Ehrengäste aus Kaiserslautern, darunter Opfermann und Honoratioren. Bis Enkenbach durfte die Musikkapelle Sander mitfahren. In Enkenbach angekommen, läuteten die Glocken, Böllerschüsse wurden gelöst, die Musikkapelle spielte frohe Weisen. Enkenbachs Bürgermeister und die Gemeinderäte begrüßten die Festgäste, welche kurz den Zug verließen. Den Enkenbachern wurde "ein lange nicht gehörter Genuß" durch die Kapelle Sander geboten, die dann mit dem Gengenzug gegen Mittag in die Stadt Lautern zurückfuhr. Am Nordbahnhof angekommen, marschierten die Fahrgäste zur Brauereigaststätte Bender, um den Tag froh zu beschließen. Der "Orientexpress" hielt in Enkenbach, der Lokalzug, der dreimal am Tag fuhr, vermittelte den Verkehr zur nahen Stadt. Bald fuhr auch ein Güterzug die Strecke, um Holz an den Bestimmungsort zu bringen.

Der Erbauer der Sektion Hochspeyer 1870 und der neuen Strecke 1875 war Oberingenieur Wilhelm Opfermann. Dieser war 1838 in Mainz geboren, war 1869 in Frankreich im Bahnbau eingesetzt, mußte wegen des Krieges Frankreich verlassen und fand bei der Pfalzbahn (eine Aktiengesellschaft!) eine neue Beschäftigung, nämlich die Nordbahnen weiter zu erbauen. Er war der Förderer des Gewerbemuseums. Im Alter von 60 Jahren unerwartet verstorben, finden wir sein Grab (mit Relief) an der Nordmauer des Friedhofes Kaiserslautern.

Die nunmehrige Alsenzbahn ist am Dienstag, dem 20. Januar 1942 nochmals ins Bewußtsein der Leute gekommen. Denn an diesem Tag "zwischen 9 und 10 Uhr vormittags stießen ein Militärurlauberzug und ein Güterzug bei Enkenbach aufeinander. Zum Glück waren die beiden ersten Wagen des Militärzuges leer, beziehungsweise nur von vier Mann besetzt, wovon einer den Tod fand. Zwei Todesopfer, viele Schwerverletzte. Die Zahl der letzteren betrug etwa zwanzig, die im hiesigen Krankenhaus Aufnahme fanden. Das Lokpersonal konnte sich durch Abspringen retten." Diese Notiz wurde auf Grund von Hörensagen in das "Stadttagebuch" des Stadtarchivs eingetragen. Offiziell durfte nichts veröffentlicht, ja nicht geredet werden. Dieser Hinweis ist zugleich eine Ergänzung des Verfassers zu seinem Beitrag über Eisenbahnunglücke im Bereich des Landkreises (im "Heimatjahrbuch 1999") (weitere Quelle: Stadtrats-Beschlussbuch 1874).


Aus dem Heimatjahrbuch des Landkreises Kaiserslautern 2001 von Heinz Friedel


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