1. Einleitung

Im Jahr 1949 zündete die UdSSR ihre erste Atombombe, und nur wenige Monate danach wurde die Volksrepublik China gegründet. Diese beiden Ereignisse führten vor dem Hintergrund des spätestens seit der Berlinblockade voll zum Ausbruch gekommenen Ost-West-Gegensatzes zu einer Neubewertung der strategischen Situation durch die USA. Es begannen Überlegungen, wie man der tatsächlichen oder vermeintlichen kommunistischen Bedrohung begegnen konnte. Dass der Ausbau einer strategischen Atommacht alleine nicht die Sicherheit des Westens gewährleisten konnte, wurde spätestens am 25.6.1950 deutlich, als nordkoreanische Truppen überraschend in den südlichen Teil des Landes einmarschierten und der Koreakrieg (1950 - 1953) begann. Hier hatte die atomare Abschreckung offensichtlich versagt. Ohne starke konventionelle Streitkräfte schien also die Sicherheit Westeuropas vor einem ähnlichen Überfall nicht zu gewährleisten zu sein.

Organisatorischer Rahmen der Wiederaufrüstung des Westens, der nach 1945 zunächst seine Truppen reduziert hatte und sich seitdem in einem Zustand konventioneller Schwäche befand, war die 1949 gegründete NATO, in der die Streitkräfte der westlichen Demokratien zusammengefasst wurden. Auch die Bundesrepublik Deutschland strebte nach Sicherheit im Rahmen dieses Bündnisses, das umgekehrt neben einem deutschen Truppenkontingent aus strategischen Gründen Westdeutschland als Stationierungsraum für die zur Verteidigung Westeuropas vorgesehenen Streitkräfte benötigte, da man den Kampf "so weit im Osten wie möglich" führen wollte. In den frühen 1950er Jahren war allerdings aufgrund der Schwäche der NATO-Truppen eine sowjetische Offensive frühestens am Rhein zu stoppen. Eine besondere Gefahr sah man u.a. in einem möglichen Vorstoß des Ostens auf Frankfurt a.M. und einem sich daran anschließenden Rheinübergang zwischen Main- und Moselmündung. Um dieser Bedrohung begegnen zu können, mussten starke Kräfte im pfälzischen Raum postiert werden. Die Pfalz bot sich darüber hinaus wegen ihrer verkehrstechnisch günstigen Lage im Zentrum einer Rheinverteidigung als Stationierungsgebiet an.

Eines der Hauptprobleme des Bündnisses war der eklatante Mangel an Flugplätzen, die für moderne Militärflugzeuge geeignet waren. Noch im Zweiten Weltkrieg hatte jede einigermaßen ebene und tragfähige Wiese nach kurzer Vorbereitungszeit als Behelfsflugplatz dienen können. Die mittlerweile in immer größeren Stückzahlen zum Einsatz kommenden Strahlflugzeuge benötigten aber in jedem Fall eine betonierte Rollbahn, von denen es in Westeuropa 1951 zu wenige gab. Die Schaffung einer ausreichenden Anzahl von leistungsfähigen Militärflugplätzen bildete daher einen der wichtigsten Bestandteile des Infrastrukturprogramms in der Frühzeit der NATO. Ziel war es, in Westeuropa über 126 einsatzbereite Flugplätze zu verfügen, von denen 30 in Deutschland liegen sollten. 90 % dieser Vorhaben befanden sich 1953 in Bau oder waren schon fertiggestellt.

Als Standort eines dieser neuen NATO-Flughäfen wurde das pfälzische Dorf Sembach nordöstlich von Kaiserslautern ausgewählt, das schon in den vorhergehenden Jahrzehnten mehrfach für militärische Zwecke in Beschlag genommen worden war. Schon 1919 bis 1930 war hier ein französischer Feldflugplatz betrieben worden, doch wurde dabei das genutzte Gelände, annähernd 80 ha, nicht dauerhaft beschlagnahmt und der Mutterboden nicht ernsthaft beschädigt. Es wurden auch nicht so viele französische Soldaten in Sembach stationiert, dass es zu tiefgreifenden Änderungen der Sozial- oder Wirtschaftsstruktur des Ortes hätte kommen können.

1938 war in der Nähe Land für den Standortübungsplatz "Alter Fröhnerhof" der deutschen Wehrmacht beschlagnahmt worden. Weitere Grundstücke wurden für den Bau von vier Westwallbunkern in Anspruch genommen.

1940 wurde ein deutscher Feldflugplatz bei Sembach erkundet, ohne dass es jedoch zu einer Nutzung des Geländes durch die deutsche Luftwaffe kam. Bis Kriegsende wurde es den Besitzern der betroffenen Grundstücke lediglich zur Auflage gemacht, keine Veränderungen vorzunehmen, die eine Nutzung als Flugplatz unmöglich machen könnten. Auch handelte es sich wiederum um ein wesentlich kleineres Gelände, als es die heutige Air Base Sembach einnimmt. Bis 1942 existierte östlich von Sembach ein Barackenlager der Wehrmacht.

Sembach war bis 1951 ein nahezu rein landwirtschaftlich geprägter Ort. Auch die 1913 eingerichtete Omnibuslinie nach Kaiserslautern und die Elektrifizierung 1922 änderten nur wenig am traditionell landwirtschaftlichen Charakter des Dorfes: Noch zu Anfang der 1950er Jahre pendelten nur 59 Menschen zur Arbeit nach Kaiserslautern. Ungefähr 25 % der arbeitenden Bevölkerung waren in Handwerk und Industrie beschäftigt, während etwa 53 % der Erwerbstätigen hauptberuflich in der Landwirtschaft tätig waren. Daneben gab es eine Reihe von Nebenerwerbslandwirten. Insgesamt waren 1949 67 landwirtschaftliche Betriebe gezählt, nämlich 15 Kleinbetriebe unter 2 ha, 22 Betriebe mit 2 - 5 ha, 21 mit 5 - 10 ha, sechs mit 10 - 20 ha und drei mit über 20 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche. Sembach war also klein- und mittelbäuerlich geprägt. Bis 1951 wuchs die Zahl der bäuerlichen Betriebe auf 72. Da die Masse des Landes schon 1949 bewirtschaftet worden war, kann es sich bei den fünf zusätzlichen Höfen nur um Klein- oder Kleinstbetriebe gehandelt haben, die von Zuwanderern betrieben wurden.

Herzstück der 400 ha umfassenden landwirtschaftlichen Nutzfläche Sembachs wie des südlich gelegenen Mehlingen war der zwischen beiden Dörfern gelegene Lösboden, der eine ein bis drei Meter dicke Schicht bildete. Hier wurde die durchschnittliche Bodenwertzahl von 85 Punkten der Sembacher Gemarkung deutlich überschritten.

1939 wurde Sembach von 473 Menschen bewohnt, von denen 35 im Zweiten Weltkrieg fielen oder noch in der Nachkriegszeit als vermisst galten. 1950 zählte man 615 Einwohner. Diese Steigerung wurde durch Flüchtlinge, Heimatvertriebene und Evakuierte verursacht. Schon dieser plötzliche Bevölkerungszuwachs nach einem seit dem 18. Jahrhundert festzustellenden Einwohnerrückgang musste eine Veränderung der Sozial- und Wirtschaftsstruktur bewirken. Hinzu kamen die allgemeinen Probleme der Landwirtschaft, die in den Hungerjahren nach 1945 zwar noch eine Blüte hatte erleben können, in der sich aber seit dem 1950er Jahren der Trend zu Technisierung und Rationalisierung immer deutlicher bemerkbar machte. Kleine und mittlere Betriebe wurden unrentabel, da Maschinen erst ab einer bestimmten Mindestgröße sinnvoll einsetzbar sind. Die Masse der kleineren Betriebe Sembachs hätte also in jedem Fall im Verlaufe der Jahre aufgegeben werden müssen. Diese Krise der Landwirtschaft war 1950 zwar absehbar, sie wurde jedoch von Bauern und bäuerlichen Interessenvertretern noch nicht als unabwendbar angesehen. Die Pfälzische Bauern- und Winzerschaft, der pfälzische Regionalverband des Deutschen Bauernverbandes, nahm jedenfalls den Kampf um die "ideellen und ethischen Gehalte echten Bauerntums", um den bäuerlichen Kleinbetrieb auf eigener Scholle gegen die Erfordernisse der Modernisierung trotz der deutlichen Anklänge an die Landwirtschaftsideologie der NS-Zeit auf.

In Sembach selbst hatte man schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit auf die sich ankündigende Krise der Landwirtschaft reagiert und eine "vorbildliche Felderzusammenlegung (Flurbereinigung) durchgeführt, an deren Kosten die Gemeindekasse aber noch 1951 trug.

Hier sollen die Reaktion der Sembacher auf und die Veränderungen des Dorfes durch den Bau eines Flugplatzes sowie das Verhältnis zwischen den Amerikanern und ihrem deutschen Umfeld untersucht werden. Grob lassen sich zwei Phasen unterscheiden: Die des Widerstandes, der Proteste und der Konfrontation, deren Beginn mit dem der Flugplatzplanungen Ende 1950 zusammenfällt. Ihr Ende ist schwerer zu datieren, da sie langsam und unmerklich in kleinen Schritten in die zweite Phase überging, in der man spätestens ab Sommer 1953 das Unvermeidliche anerkannte und zu einem erträglichen Zusammenleben mit den US-Soldaten kam, in de aber auch ein dramatischer Wandel der Dorfstruktur stattfand. Dieser Wandel vollzog sich hauptsächlich bis in die beginnenden 1960er Jahre, so dass das Schwergewicht dieser Untersuchung auf dem Zeitraum von 1951 bis etwa 1960 liegt.

Vor allem zur Vorgeschichte der Air Base von 1951 bis in die Mitte der 1950er Jahre hinein steht im Gemeindearchiv Sembach (GAS) reichhaltiges Quellenmaterial zur Verfügung, welches durch Herrn Buch, dem Bürgermeister der Verbandsgemeinde Enkenbach-Alsenborn, zu der Sembach seit 1972 gehört, für diese Untersuchung zugänglich gemacht wurde. Herr Buch stellte darüber hinaus weiteres Material zur Verfügung, wofür ihm an dieser Stelle gedankt sei.

Im Rahmen des Forschungsprojektes "Amerikaner in Rheinland-Pfalz" des Interdisziplinären Arbeitskreises für Nordamerikastudien der Universität Mainz wurde eine Reihe von Zeitzeugenbefragungen in Interviewform durchgeführt. Da den Befragten Anonymität zugesichert wurde, werden diese Interviews hier nur mit ihrer Nummer zitiert.


Aus: "U.S. Air Base Sembach: Von der ersten Landbeschlagnahme zu Abzug und Konversion" von Winfried Herget und Walter G. Rödel aus dem Jahr 1995


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