3.4. Politische Motivation des Widerstandes

Es stellt sich die Frage, ob der Widerstand der Sembacher Bevölkerung gegen das Flugplatzprojekt allein durch Existenzangst motiviert wurde, oder ob er auch ein politisches Ziel verfolgte, nämlich die Verhinderung der Stationierung amerikanischer Streitkräfte in Deutschland überhaupt und der Westintegration der Bundesrepublik.

Wünschel bemerkte 1987 zu diesem Problem, "dass die pfälzische Bevölkerung mit großer Zustimmung die Stationierung von Truppen in den letzten 40 Jahren begleitet hat", da man die Amerikaner als einzigen Schutz vor der kommunistischen Bedrohung angesehen habe. Diese grundsätzliche Zustimmung schloss aber Proteste gegen einzelne Bauvorhaben nicht aus, die schwerwiegende Auswirkungen auf die umwohnende Bevölkerung und das Landschaftsbild hatten, wie es in Sembach der Fall war.

Bei allem Zorn, der sich auch gegen deutsche Behörden gerichtet hatte, distanzierte sich die Masse der Sembacher Bauern deutlich von Versuchen kommunistischer Kreise, den Konflikt für ihre Zwecke auszunutzen. 1951 und 1952 trafen Solidaritätsbekundungen aus der DDR in Sembach ein. Teilweise versicherten Privatpersonen den von der Landbeschlagnahme Betroffenen ihr Mitgefühl. Sie schilderten die Verhältnisse und Bedingungen insbesondere für die Landwirtschaft in der DDR als geradezu paradiesisch, während in krassem Gegensatz dazu Westdeutschland von Amerikanern und Kriegstreibern brutal ausgebeutet werde und Landgeschlagnahme für militärische Anlagen dem Volk die Lebensgrundlage entziehe. Im östlichen Teil Deutschlands werde nicht beschlagnahme, im Gegenteil: Die Sowjetunion gebe "Betriebe, öffentliche Einrichtungen und Wohnhäuser" an die Bevölkerung zurück. Die Politik der Westintegration der Regierung Adenauer verhindere darüber hinaus eine Wiedervereinigung Deutschlands und führe mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Krieg. Diese Befürchtung teilten allerdings in den frühen 1950er Jahren auch nicht-kommunistische Kreise, so dass sie zu einiger Bedeutung in der Politik dieser Jahre kam. Auch im Zusammenhang mit den Sembacher Requisitionen wurde ihr in einigen Fällen Ausdruck gegeben, doch war sie für die Masse der betroffenen Landbesitzer sicher nur ein Nebenmotiv des Protestes.

Im gleichen Sinne wie die Stimmen aus der DDR wurden verschiedene Flugblätter der westdeutschen KPD verfasst, die sich teilweise direkt an die Sembacher richteten, die die "Politik [der Bundesregierung] am eigenen Körper" spürten. In der Nach zum 2.10.1952 brachten Mitglieder eines "kommunistischen gesamtdeutschen Arbeitskreises der Bauern" an Scheunen und Häusern in Sembach "Aufschriften wie 'Adenauer hat uns verraten' neben den Protestschildern der Einheimischen an, um diese vor "ihren politischen Karren [zu] spannen". Der Landrat hatte solche Vorfälle schon zwei Wochen zuvor vorhergesehen, als er in einem Schreiben an die Bürgermeister des Kreises diese aufforderte, alle Aktivitäten der "erklärten Feinde des Staates" sofort zu melden, damit eine Strafverfolgung eingeleitet werden könne.

1954 ering aus der DDR ein Angebot an die Sembacher Bauern, ihrem Schicksal als amerikanische "Kolonialsklaven" zu entgehen und in den Osten überzusiedeln. Diese Offerte markiert den Endpunkt der insgesamt sehr lebhaften Propagandatätigkeit von kommunistischer Seite. Scheinbar hat diese aber nur geringen Einfluss auf die Sembacher gehabt, obwohl man sich teilweise den Anschein von Überparteilichkeit und verantwortungsvoller Sorge allein im Interesse Deutschlands gegeben hatte.

In diesselbe Bresche schlugen auch andere politische Gruppierungen, etwa der "Landesausschuss für Volksbefragungen" in einem Flugblatt, welches er am 20.7.1951 an die "Bauern und Bürger von Sembach" richtete, oder die "Tatgemeinschaft für Einheit und Frieden Rheinland-Pfalz", die noch am Tage ihrer Gründung ein aufmunterndes Telegramm an Bürgermeister Müller richtete. Der "Bürgerausschuss zur Verteidigung der Eigentumsrechte" mit Sitz in Mainz-Gonsenheim beglückwünschte Bürgermeister Müller anlässlich der Verhinderung des Baus der Housing-Anlage auf hochwertigem Boden und erbat einen Erfahrungsaustausch.

Neben anderen ähnlich gelagerten Fällen wurde der Protest der Sembach gegen die Landbeschlagnahme von antiamerikanischen Kreisen als vorbildhaftes Verhalten im Widerstand gegen die "Besatzer" gefeiert. Der in der Nachkriegszeit kurz wieder aufgeflackerte pfälzische Separatismus war in Sembach offenbar genauso wenig populär, wie er es letztlich in der gesamten Pfalz gewesen war.

Die Wahl zum Bundestag 1949 sah in Sembach die SPD als deutlichen Sieger. Sie konnte 98 Stimmen auf sich vereinigen, während CDU, FDP und KPD jeweils um 40 Anhänger hatten. Die Wahlbeteiligung war mit 242 von 424 recht mager. Die Landtagswahl am 29.4.1951 fand genau in der Phase der ersten Auseinandersetzungen um die Requisition von Land für den Flugplatz statt. Im Vergleich zu 1949 sank der Stimmenanteil von KPD und CDU jeweils um etwa die Hälfte, der der SPD blieb stabil und der der FDP stieg leicht. Die Stimmenverluste der CDU und der KPD lassen sich wahrscheinlich aus der gesunkenen Wahlbeteiligung erklären, die nun knapp unter 50 % lag. Bei den Kommunalwahlen am 9.11.1952 sank die Zahl der abgegebenen Stimmen auf ca. 30 %, der Anteil der ungültigen Stimmen erreichte bei der Gemeindewahl ebenfalls diesen Wert, während sie bei der Wahl zum Kreis- und Bezirkstag bei ca. 12,5 % lag. Die SPD war deutlicher Sieger dieser Wahl, die KPD sank in die Bedeutungslosigkeit, CDU und FDP erhielten jeweils 20 Stimmen für den Bezirkstag, 21 und 16 für den Kreistag, keine für den Gemeinderat. Die Kommunalwahl 1956 hatte ein ähnliches Ergebnis, allerdings bei einer Wahlbeteiligung von 74,2 %.

Die Wahlergebnisse zeigen deutlich, dass der Propagandaaufwand von kommunistischer Seite im Fall Sembach zumindest in der direkten Umgebung der neuen Air Base wirkungslos verpuffte. Die Bedeutung der KPD nahm immer mehr ab. Dies lässt sich auch für die weitere Umgebung Sembachs feststellen. In der Landtagswahl von 1947 erreichte die KPD im Landkreis Rockenhausen 6,5 % der Stimmen, während sie im Durchschnitt der gesamten Pfalz auf 12,4 % gekommen war. Für die Landtagswahl von 1951 lauten diese Zahlen 2,9 % und 6,4 %, 1955 1,7 % und 4,8 %.

Da in Land und Bund die SPD keine Regierungsverantwortung trug, konnte ihr von den Sembachern kein Vorwurf gemacht werden, die deutschen Interessen zu lasch vertreten zu haben. Ihre Mehrheit blieb daher auch in der Phase der härtesten Auseinandersetzungen 1951 / 1952 gesichert, zumal sie den Sembachern mit Solidaritätsbekundungen den Rücken stärkte. Die CDU hingegen musste Stimmenverluste hinnehmen, doch war sie in Sembach ohnehin nicht stark gewesen. Die Ablehnung der CDU wurde nicht in eine Zustimmung zu Parteien umgesetzt, die gegen Westintegration der amerikafeindlich waren, sondern in sinkende Wahlbeteiligung, die 1952, kurz nach Abschluss der letzten großen Auseinandersetzung um die amerikanische Wohnanlage, ihren Tiefststand erreichte. Sie deutet - mit einem überstrapazierten Schlagwort gesprochen - auf eine gewisse Politikverdrossenheit der Sembacher hin, die sich von allen deutschen Regierungsstellen verraten sahen und es daher aus Protest ablehnten, sich an der Bildung neuer Regierungsorgane zu beteiligen, die sie wieder nur im Stich lassen würden.

Die dann wieder auf normale Höhe kletternde Wahlbeteiligung des Jahres 1956 zeigt, dass das Fernbleiben von den Wahlen bis 1952 eine Reaktion auf die unmittelbare Bedrohung der eigenen Existenz war und sich nicht etwa durch eine grundsätzliche Staatsablehnung oder Amerikafeindlichkeit erklären lässt: 1956 waren die Entschädigungsansprüche geklärt, neue Beschlagnahmen standen nicht an, und die Wirtschaft florierte. Für einen Wahlboykott gab es keinen Anlass mehr.

Es scheint daher der allgemeinen Stimmung im Dorf entsprochen zu haben, wenn ein Sembacher Bauer "meinte, dass man die Existenz des Flugplatzes ruhig ertragen könne, wenn er seinen Teil dazu beitrage, nicht nur unserem Dorf und Vaterland, sondern der ganzen Welt den Frieden zu erhalten".

Der Widerstand gegen die Landbeschlagnahmen setzte sich also nir in geringem Umfang in das Wahlverhalten in der Umgebung Sembachs um und ist daher nicht ohne weiteres als Bestandteil der allgemeinen Protestbewegung gegen die Anlage militärischer Anlagen in der Bundesrepublik zu werten. Nicht politische Erwägungen, sondern Existenz- und Zukunftsangst waren die Hauptmotive des Sembacher Widerstandes. Von irgendeiner Antwort auf die Schreiben der verschiedenen links- oder rechtsorientierten politischen Gruppierungen, die in Sembach eingegangen waren, findet sich im Gemeindearchiv keine Spur.

Die unangefochtene Führungsstellung der SPD geriet nach Ansicht von Herzog erst ins Wanken, als sich herausstellte, dass die Amerikaner bei der Vergabe von Arbeitsplätzen CDU-Anhänger bevorzugten. Dies sei die Ursache für das Anwachsen des Stimmenanteils der CDU ab 1953 gewesen.


Aus: "U.S. Air Base Sembach: Von der ersten Landbeschlagnahme zu Abzug und Konversion" von Winfried Herget und Walter G. Rödel aus dem Jahr 1995


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