5. Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur Sembachs

"Ein Heer von fremden Arbeitern ergoss sich" nach Sembach, als die Bauarbeiten für den Flugplatz begannen. Schon jetzt, noch vor der Ankunft der ersten Amerikaner, verdienten Gaststätten und Läden der Umgebung gut an der neuen Air Base. Dazu kam die Möglichkeit, Zimmer usw. an Arbeiter zu vermieten. Doch war die Anwesenheit vieler auswärtiger Arbeiter nur ein kurzer Einschnitt in das Wirtschaftsleben des Ortes. Zu dauerhaften Veränderungen der ökonomischen Struktur führten erst einerseits die Enteignungen der Landwirte im Verbund mit dem allgemeinen Trend zur Rationalisierung in der Landwirtschaft und andererseits die langfristigen Anforderungen der Amerikaner an den Dienstleistungssektor.

In einem vergleichsweise langen Artikel zog die Rheinpfalz 1957 eine Zwischenbilanz und stellte die Frage: "Ist das, was mit dem Dorf [Sembach] geschehen ist, ein Segen oder ein Fluch?". Die Antwort fiel zweischneidig aus. Einerseits war durch die Amerikaner Geld ins Dorf gekommen. Bald arbeiteten 500 - 600 Deutsche als Friseur, "Heizer, Feuerwehrleute, Kraftfahrer und als Küchen- und Reinigungspersonal bei den Amerikanern". Sie erhielten für ihre Tätigkeit 1958 ca. 3,5 Mio DM im Jahr. Die Amerikaner sicherten zu, möglichst nur Arbeitskräfte aus der näheren Umgebung anzustellen, so dass das Geld in der Region blieb, deren Arbeitsmarkt auch indirekten Nuten aus der Stationierung der US-Soldaten zog. Nach vorsichtigen Schätzungen kommen auf jeden auf der Air Base geschaffenen Arbeitsplatz 2,5 weitere in der Umgebung, die von dem Flugplatz abhängen.

Das Geschäft mit "Bars, Messen, Clubs und 'Kaffeeshops'" boomte. Im Jahr 1900 hatte es in Sembach drei Gastwirtschaften gegeben, nämlich die Wirtschaft "Zum Hirsch", das Gasthaus "Zur Post" und das Gasthaus "Zum Bahnhof". 1975 gab es sieben Lokale: Das "Flugkaffee Flamingo Bar", "Kaffee Müller", die "Manhatten-Bar", das Gasthaus "Zur Post", das Restaurant "Kochlöffel", das Gasthaus "Zum Hirsch" und den "Sembacher Hof".

Auch der Einzelhandel profitierte von den Amerikanern. Der Sold auch einfacher US-Soldaten war im Vergleich zu durchschnittlichen europäischen Einkommen extrem hoch, so dass die Amerikaner ohne weiteres in der Lage waren, für deutsche Verhältnisse sehr viel Geld für ihre Freizeitgestaltung auszugeben. Vielfach zogen auch Vermieter von Privatwohnungen Profit aus dem starken Dollar: Die amerikanische Luftwaffe mietete für ihre Soldaten Wohnungen auch zu höheren Preisen an, als sie auf dem deutschen Wohnungsmarkt üblich waren. Die Mieten in der Umgebung der Sembach Air Base wurden auch dadurch in die Höhe getrieben, dass die Wohnsiedlung auf dem Heuberg spätestens seit 1975 zu klein für den Bedarf der Air Base war, weshalb viele Soldaten zwangsläufig auf den privaten Wohnungsmarkt ausweichen mussten. Im Jahr 1989 wurden im Großraum Sembach 1900 an die US-Luftwaffe vermietete Wohnungen gezählt, fü die insgesamt 21,7 Mio DM Miete pro Jahr gezahlt wurden.

Auf der anderen Seite war die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe bis 1960 von 65 auf 40 gefallen, von denen elf eine Größe unter 2 ha hatten, also allenfalls als Nebenerwerbsbetriebe zu bezeichnen sind. Nur drei Höfe bewirtschafteten noch eine Fläche von über 20 ha. Insgesamt verfügte Sembach noch über 291 ha landwirtschaftliche und 60 ha forstliche Nutzfläche. Da der Flugplatz auf dem wertvollsten Teil der Gemarkung Sembach errichtet worden war, war der Gesamtwert des Sembacher Ackerlandes um 50 % zurückgegangen, obwohl flächenmäßig nur 30 % des Bodens beschlagnahmt worden waren. Die verbleibenden bäuerlichen Betriebe konnten allerdings die Entschädigung in ihren Rstbetrieb investieren und ihn so lebensfähiger machen. Großbetrieben gelang es sogar, durch Landzukauf ihre Verluste wieder auszugleichen. Die Landwirtschaft hatte zudem mit einer tausendköpfigen Schafherde im Besitz der Gemeinden Sembach und Mehlingen eine Bereicherung erfahren, die auf den Grasstreifen der Air Base weidete.

Der Wohlstand Sembachs war unverkennbar gewachsen. Nicht nur, dass die Gemeinde 23 ha Staatswald ankaufen konnte; es wurden auch eine Leichenhalle mit Kriegerdenkmal, ein Sportplatz und eine neue Gendarmeriestation gebaut. Der Dorfplatz "Wiesenbrunnen" wurde neu angelegt. Diese Projekte waren nur deshalb finanzierbar gewesen, weil die Gemeindeeinnahmen trotz der Grundsteuerausfälle seit 1951 auf das Doppelte gestiegen waren.

Herzog bezeichnet den wirtschaftlichen Aufschwung der späteren 1950er Jahre als "Scheinblüte", die nicht von Dauer sein könne, da die einmalig ausgezahlten Entschädigungen irgendwann verbraucht sein würden. Dann sähe sich der Bauernstand vor dieselben Probleme gestellt, die er unmittelbar nach der Enteignung hatte. Bezogen auf die Landwirtschaft ist dieses Argument sicher stichhaltig, doch insgesamt gesehen war der Aufschwung solange von Dauer, wie die Amerikaner ihren Stützpunkt in Sembach unterhielten.

Innerhalb von kurzer Zeit war es so zu einer rapiden Umstrukturierung Sembachs von einem fast rein landwirtschaftlich geprägten Dorf zu einer Gemeinde gekommen, in der neben der Landwirtschaft auch Dienstleistungen usw. eine große Rolle spielten. Man mag es bedauern, dass diese Umwandlung so schnell vor sich ging, doch hat der Bau der Air Base im Grunde den ohnehin im allgemeinen Trend liegenden "Umwandlungsprozess zur ungeheuer beschleunigt".


Aus: "U.S. Air Base Sembach: Von der ersten Landbeschlagnahme zu Abzug und Konversion" von Winfried Herget und Walter G. Rödel aus dem Jahr 1995


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