6. Das deutsche-amerikanische Verhältnis nach 1953

Sembach hatte 1950 615 Einwohner, worunter sich ca. 150 Personen befanden, die erst nach 1945 als Flüchtlinge, Evakuierte usw. zugezogen waren. Nach Fertigstellung des Flugplatzes 1953 geriet diese einheimische Bevölkerung schnell in die Minderheit: 520 amerikanische Familien, ca. 2.500 Personen, bezogen 1955 die Wohnsiedlung Heuberg mit ihren 28 mehrstöckigen Wohnblöcken. Bis 1964 stieg die Zahl der Amerikaner auf ca. 4.000. Dazu kam es zu einem rapiden Anstieg der deutschen Bevölkerung, die bis Ende 1954 auf 956 Personen angewachsen war.

Das Straßenbild bestimmten 1964 neben den Militärfahrzeugen 2.380 zivile US-Pkw und Lkw gegenüber nur 94 deutschen. Vertreter des amerikanischen Way of Life zogen "buntgewandet" in "farbenleuchtenden Straßenkreuzern elegant ihre Bahn", ein deutsches "Kuhgespann" überholend. Doch schon wegen der Sprachbarriere scheint es zunächst nur zu oberflächlichen Kontakten gekommen zu sein. Angesichts der materiellen und mentalen Unterschiede war eine Art von Kulturschock auf beiden Seiten unvermeidbar, der deutscherseits wohl mit einem vorerst eher widerwillig eingestandenen Gefühl der Bewunderung für den modernen amerikanischen Lebensstil verbunden war, bei dem das "eingebaute, gekachelte Bad selbstverständlich" war und "Elektroherd" sowie "250 Liter Kühlschrank" nicht fehlten. Von solchem Luxus und solch moderner Haushaltseinrichtung hatte ein Pfälzer Bauer bis dahin wohl nur gerüchteweise vernommen.

Doch auch die Amerikaner liefen „mit staunenden Augen“ durch eine ihnen unbekannte Welt, interessierten sich für den deutschen Lebensstil und bekundeten „Achtung“ vor den Leistungen der deutschen Landwirtschaft. Amerikaner ließen sich auch schon früh zunächst vereinzelt in Sembacher Gaststätten sehen, obwohl die Verständigung auf nahezu unüberwindliche Hindernisse stieß. Auch diejenigen, die in der Schule britisches Englisch gelernt hatten, verstanden nicht unbedingt die verschiedenen amerikanischen Formen dieser Sprache. Dies war in einer im ehemaligen Tanzsaal neu eröffneten Bar anders, in der das Bedienungspersonal Englisch verstand und so zwischen deutschen und amerikanischen Besuchern vermitteln konnte. Hier vergnügten sich die US-Soldaten bei den Klängen ihnen vertrauter Musik, und – was dem Sicherheitsbedürfnis der Sembacher wohl sehr entgegenkam und deshalb ausdrücklich vermerkt wurde – sie wurden bei dieser Freizeitgestaltung von der Militärpolizei überwacht. Die „Geschäftswelt“ verstand schon 1953 „das Gebot der Stunde“: Läden und Gaststätten wurden modernisiert oder neu eröffnet, so dass sich Sembach „zwangsläufig wirtschaftlich nach dem Flugplatz hin orientieren“ würde. Dem schien in den Augen der Pfälzischen Volkszeitung nichts entgegenzustehen, da die Amerikaner einen „freundlichen und aufgeschlossenen“ Eindruck hinterließen, also keine größeren Probleme im Zusammenleben zu erwarten waren. General Strother, der Kommandierende General der 12. US-Luftflotte, ermahnte bei der Begrüßung des nach Sembach verlegten 66. Taktischen Aufklärungsgeschwaders auf deutschem Boden die „Offiziere und Flieger, ihr Auftreten durch guten Willen und Verantwortungsbewusstsein bestimmen zu lassen, besonders in einem Land, in dem vieles anders gehandhabt wird als in den Vereinigten Staaten“. Die harten Auseinandersetzungen um die Landbeschlagnahme hatten also nicht dazu geführt, dass die Sembacher eine grundsätzlich amerikanerfeindliche oder umgekehrt die Amerikaner eine deutschenfeindliche Haltung eingenommen hatten. Allerdings wurden auf deutscher Seite auch Stimmen laut, die vor einer zu weitgehenden Amerikanisierung warnten, vor allem in Hinblick auf die Jugend, die Gefahr liefe, von allen Traditionen abgeschnitten zu werden. Tatsächlich war es vor allem die Jugend, die Interesse an der amerikanischen Lebensart bekundete. Um der Amerikanisierung der Jugend vorzubeugen, wurde im Jahre 1959 eine öffentliche Bücherei in Sembach ihrer Bestimmung übergeben, die natürlich nur durch den wirtschaftlichen Aufschwung des Ortes im Gefolge des Flugplatzes zu finanzieren war.

Wenn auch viele Elemente der US-Kultur und Technik übernommen wurden, so gelang es Sembach doch mehr als anderen Stationierungsorten amerikanischer Truppen, sein traditionelles Erscheinungsbild zu wahren: Ein amerikanisiertes Anhängesel an das „Klein-Amerika“ auf de Heuberg wurde das Dorf nicht oder nur in geringerem Umfang, als es anderswo geschah. Der moralische Ruf der Sembacher, vor allen der Sembacherinnen bei den Dörfern der Umgebung litt allerdings beträchtlich unter der Anwesenheit der Amerikaner. Dies führte auch dazu, dass man Probleme hatte, einen neuen Dorflehrer anzuwerben.

Wie die weitere Entwicklung deutlich zeigte, konnten nicht nur Gastwirte durch die Anwesenheit der Amerikaner profitieren. Diese leisteten nämlich immer wieder „tatkräftige Nachbarschaftshilfe“. Aus den Mitteln eines in der Air Base gegründeten Wohltätigkeitsfonds konnte so manche Hilfeleistung für Sembacher Bürger finanziert werden, etwa wenn eine Plane gekauft wurde, mit der die Getreideernte eines Bauern vor der Witterung bewahrt werden konnte, dessen Scheune einem Brand zum Opfer gefallen war. Bei dieser Gelegenheit half auch die amerikanische Flughafenfeuerwehr schnell und unbürokratisch. Auch die Rettungshubschrauber und das Sanitätspersonal der Amerikaner wurden im Notfall für deutsche Zivilisten in der näheren Umgebung der Air Base eingesetzt. Immer wieder stellte der jeweilige Kommandant des Flugplatzes technische Einheiten ab, um den deutschen Nachbarn zu helfen: Als 1959 bei anhaltender Trockenheit in verschiedenen Orten der Umgebung Wasserknappheit eintrat, halfen US-Tankwagen aus. Ein Aufklärungsflugzeug aus Sembach machte 1957 Luftaufnahmen von Kaiserslautern, die der dortigen Stadtplanung zugute kamen und der „Stadtverwaltung einige tausend Mark zu sparen“ halfen. Zweimal konnte die Gemeinde Morlautern bei Baumaßnahmen viel Geld einsparen, weil ihr amerikanische LKW zur Verfügung gestellt wurden und Soldaten in ihrer Freizeit mitarbeiteten. Eine „Planierraupe des Sembacher Flugplatzes übernahm die Hauptarbeit beim Neubau des Wolfsteiner Sportplatzes“, während US-Schneepflüge im März 1956 das Fußballfeld der Spielvereinigung Neukirchen-Mehlingen-Baalborn von einer Schneedecke befreiten, die die Deutschen aus eigenen Mitteln nicht hätten beseitigen können, wie es der Südwestdeutsche Fußballverband gefordert hatte. 1959 wurde von der Air Base ein Spezialkran zur Verfügung gestellt, mit dem eine neue Kirchenglocke aufgehängt wurde. Schließlich halfen Amerikaner und Zivilangestellte des Flugplatzes im Verlaufe von drei Jahren immer wieder, in Sembach selbst „zwei vorbildliche Fußballplätze“ zu bauen, was immerhin Kosten von Ca. 30.000 DM einsparte.

US-Soldaten sammelten Geld für wohltätige Zwecke, z.B. um einer gelähmten Frau einen Rollstuhl zu schenken oder ein Kinderheim zu Weihnachten zu beschenken. Immer wieder wurden Schulklassen und Waisenkinder zu Flugplatzbesichtigungen eingeladen. Im Sinne der „guten Nachbarschaft“ wurde auch die erwachsene deutsche Bevölkerung zur Teilnahme an Veranstaltungen auf der Air Base aufgefordert, etwa im Rahmen der Feierlichkeiten zum Tag der Streitkräfte, der Feier des Erntedankfestes oder anlässlich eines Tages der Offenen Tür. Es wurden deutsch-amerikanische Frauenabende veranstaltet, und Sembacher feierten Gottesdienste in der amerikanischen Stützpunktkirche, während Soldaten die Dorfkirche besuchten. Deutsche Journalisten wurden über den Flugplatz geführt. Um „einen kleinen Einblick in das amerikanische Soldatenleben“ zu gewähren, wurden kostenlos die seit 1953 erscheinenden Stützpunktzeitungen an die deutschen Zivilangestellten und die Bevölkerung der Umgebung verteilt. Die Zeitung scheint für eine Soldatenzeitung eine außerordentlich hohe Qualität besessen zu haben, wurde sie doch 1959 in einem weltweiten Vergleich zu den besten amerikanischen Militärzeitungen gezählt. Trotzdem scheint das Interesse an diesen Zeitungen nicht übermäßig groß gewesen zu sein. Die Auflage überstieg allenfalls geringfügig die Zahl der in Sembach stationierten Soldaten, während sich das Verbreitungsgebiet über 28 Gemeinden erstreckte. Die Zahl der deutschen Leser, für die man als erste Stützpunktzeitung in Deutschland eine zweisprachige Seite in Druck gab, kann also rein rechnerisch nicht sehr groß gewesen sein. Außerdem wurde das erscheinen immer wieder eingestellt, was jedoch auch darauf zurückzuführen sein kann, dass die Soldaten und Offiziere der jeweiligen Redaktion von Sembach wegversetzt wurden und es dann lange dauerte, bis eine neue Redaktionsmannschaft gewonnen werden konnte. In jedem Fall wird die „Sembach Jet Gazette“, obwohl sie wohl nicht zu den meistgelesenen Blättern gehörte, zumindest einen kleinen Teil dazu beigetragen haben, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Amerikanern ein freundschaftliches war und die Möglichkeit der Intensivierung des Kontaktes zwischen einzelnen Vertretern beider Nationen bot. So wurden bis Mitte 1957 ca. zehn Ehen zwischen Amerikanern und Sembacherinnen geschlossen. Weitere Amerikaner heirateten deutsche Frauen aus entfernteren Orten. Insgesamt hatte Sembach schon nach vier Jahren Stationierung amerikanischer Soldaten „125 größtenteils deutsch-amerikanische Hochzeiten zu verzeichnen“. Im selben Jahr lebten schon ca. 300 amerikanische Familien in deutschen Mietwohnungen, weitere 100 hatten den Wunsch dazu geäußert. Ungefähr 50 Kinder aus diesen Familien sollten nach Wunsch ihrer Eltern deutsche Schulen besuchen, obwohl die unteren Klassen direkt auf der Air Base unterrichtet wurden und die älteren Schüler eine amerikanische Schule in Kaiserslautern besuchen konnten, zu der sie mit Bussen gebracht wurden. Die anfangs guten Kontakte zwischen der amerikanischen und der deutschen Schule scheinen allerdings aus unbekannter Ursache bald wieder eingeschlafen zu sein. Trotzdem bestand durch Heiraten, Schule und Vermietung die Möglichkeit, zu näheren Kontakten zu kommen, zumal die Amerikaner zumindest in einigen Fällen in Behelfswohnungen innerhalb größerer Häuser untergebracht wurden, die es wegen der räumlichen Enge nicht zuließen, den deutschen Vermietern aus dem Wege zu gehen. Teils blieb eine wenigstens lockere Verbindung zwischen Mietern und Vermietern auch nach dem Wegziehen der Amerikaner bestehen. Zumindest 1954 wurden auch amerikanische Soldaten zu Weihnachten in deutsche Familien eingeladen, was den Anstoß zu länger anhaltende freundschaftlichen Beziehungen geben konnte. So hatte man sich innerhalb weniger Jahre „zusammengerauft“, zumal, „weil die Amerikaner im gleichen Tempo marschieren, wie wir es in Deutschland gewohnt sind“, so dass einer Beteiligung des Alsenborner Fanfarenzuges an einer amerikanischen Parade im Jahr 1960 nichts im Wege stand. Aus der Berichterstattung der Tagespresse ist natürlich nicht zu entnehmen, ob die in Sembach stationierten Amerikaner bei wohltätigen Aktionen und ihren Bemühungen um die Freundschaft der Deutschen aus eigenem Antrieb handelten, oder ob die Air Force zur Imageverbesserung derartige Maßnahmen befohlen hatte. Es ist im Rahmen dieser Untersuchung auch nicht festzustellen, ob die Sembacher Air Base im Vergleich zu anderen amerikanischen Garnisonen in diesem Bereich besser oder schlechter abschnitt. Auch ist die Freiwilligkeit „freiwilliger Hilfeleistungen“ von Soldaten aller Nationen für die Zivilbevölkerung sicher nicht in jedem Fall über alle Zweifel erhaben. Als Col. C.C. Ailes, der stellvertretende Kommandeur des Flugplatzes, 1957 abgelöst wurde und Sembach verließ, wurde er in der Berichterstattung als „Deutschenfreund“ gelobt, der das „Programm der guten Nachbarschaft“ eingeleitet habe. Hierdurch seien die „Spannungen“ überwunden worden, die durch die Landbeschlagnahme entstanden waren. Er wurde mit warmen Worten von einem Vertreter der deutschen Zivilangestellten verabschiedet. Insgesamt lässt sich der Eindruck nicht von der Hand weisen, dass zumindest dieser amerikanische Offizier tatsächlich durch gezielte Förderung der Völkerverständigung viel zu einer positiven Gestaltung des deutsch-amerikanischen Verhältnisses beigetragen hat. Durch ihn wie auch durch andere Vertreter des Flugplatzes entstand zumindest der Eindruck, „dass sie an den Nöten und Sorgen ihrer deutschen Nachbarn Anteil“ nahmen.

Entscheidend für die Beziehungen zwischen Deutschen und Amerikanern musste sich die Behandlung der vielen deutschen Zivilangestellten auf der Air Base auswirken. Hätten diese, die zum einen den meisten Kontakt mit den Amerikanern hatten und die zum anderen einen zahlenmäßig nicht zu unterschätzenden Anteil an der Gesamtbevölkerung der näheren Umgebung stellten, sich fortwährend negativ über ihre Arbeitgeber geäußert, so hätte das sicher Auswirkungen auf den Prozess der Etablierung gutnachbarschaftlicher Beziehungen gehabt. Im hauptsächlichen Untersuchungszeitraum – also bis Anfang der 1969er Jahre – berichtete die ausgewertete Tagespresse von keinen größeren Problemen der deutschen Zivilangestellten mit den Amerikanern. Im Gegenteil: Schon 1955 wurde der Leiter des deutschen Wachpersonals auf der Air Base, Demel, zusammen mit einem amerikanischen Sergeanten „für hervorragende Leistungen“ ausgezeichnet. Zu Ehren beider wurde eine Parade abgehalten, an der auch die in amerikanische Uniformen gekleidete deutsche Wacheinheit teilnahm. Ihr wurde vom Kommodore des 66. Taktischen Aufklärungsgeschwaders, Col. H.H. Withfield, „gute Führung, Pflichtauffassung, Bereitschaft, ständige Leistungsfähigkeit, Zuverlässigkeit und hoher Ausbildungsstand“ bescheinigt.

1961/62 reichte das deutsche Personal des Flugplatzes insgesamt 365 Verbesserungsvorschläge ein, wovon ca. 20 % verwirklicht wurden. Damit lag das Sembacher Personal im europäischen Vergleich aller amerikanischen Luftwaffenstützpunkte auf dem ersten, im weltweiten Vergleich auf dem zweiten Platz des „Verbesserungsvorschlags-Programms für Non-US Citizens“. Eine solche Leistung ist wohl nur bei einem guten Betriebsklima zu erzielen, welches die deutschen Angestellten zur Mitarbeit motiviert.

Ein deutscher Kraftfahrer bestätigte in einem Interview diesen Eindruck: Natürlich habe es immer wieder Spannungen und Probleme gegeben, aber er habe sich insgesamt durch seine amerikanische Arbeitgeber immer gut und fair, aber auch distanziert behandelt gefühlt: Zu enge Kontakte zwischen Soldaten und Zivilangestellten habe die Flugplatzleitung verhindert. Die Atmosphäre war daher wohl eher dienstlich als herzlich, aber nicht durch Spannungen getrübt.

Es kam natürlich auch zu Reibereien zwischen Amerikanern und Deutschen, etwa wenn sich anlässlich von Verkehrsunfällen, an denen Deutsche und Amerikaner beteiligt waren, US-Militärpolizisten nicht „gerade vorbildlich verhielten“ oder die US-Militärjustiz einen in deutschen Augen eindeutig schuldigen Soldaten nicht strafrechtlich verfolgte. Auch das noch heute aktuelle Problem der Fluglärmbelästigung machte sich schon bald bemerkbar, wobei jedoch die Amerikaner Verständnis für die Beschwerden der Zivilbevölkerung zeigten und auf diese bis zu einem gewissen Grade Rücksicht nahmen. Als 1958 das 66. Taktische Aufklärungsgeschwader aus Sembach abgezogen wurde und stattdessen neben wenigen Flugzeugen hauptsächlich Lenkflugkörper auf dem Flugplatz stationiert wurden, löste sich das Problem der Fluglärmbelastung mehr oder weniger von selbst, bis in den 1970er Jahren wieder eine größere Anzahl von Flugzeugen in Sembach stationiert wurde.

Die wohl unvermeidlichen Schlägereien zwischen Dorfjugend und Soldaten nahmen nie einen derart ernsten Umfang an, dass sie in der Tagespresse einer Berichterstattung gewürdigt worden wären. Im Gegenteil: Die Disziplin der Sembacher Soldaten wird ausdrücklich gelobt, während von Straftaten amerikanischer Soldaten nur selten berichtet wird. Diese im Vergleich zu anderen NATO-Stützpunkten relative Ruhe in Sembach war u.a. durch die 1951 erfolgte Einrichtung eines Gendarmeriepostens mit vier Polizisten erreicht worden.

Die teilweise recht enthusiastische Berichterstattung der Tagespresse über die deutsch-amerikanische Verständigung hinterlässt beim Leser den Eindruck, dass es in Sembach nicht zu der bei vielen Stützpunkten zu beobachtenden Ghettoisierung der Amerikaner gekommen ist, sondern dass Deutsche und Amerikaner auf den verschiedensten Ebenen über dienstliche und geschäftliche Kontakte hinaus auch privat miteinander Umgang hatten. Allerdings kann in der Presse nur von Kontakten zwischen Deutschen und Amerikanern berichtet werden, die tatsächlich stattgefunden haben, nicht von solchen, die nicht stattgefunden haben. In der Tagespresse liest man daher von vielen aufsehenerregenden Aktionen und Projekten, von Verlautbarungen und Wohltätigkeitsveranstaltungen, doch all diesen der Völkerverständigung dienenden Gelegenheiten ist es gemeinsam, dass sie Besonderheiten im Alltag des Zusammenlebens beider Nationen darstellten. Wieviele Amerikaner und wieviele Deutsche beteiligten sich wirklich? Wieviele Soldaten nahmen nur auf Befehl teil? Und inwieweit fanden über diese besonderen Anlässe hinaus Kontakte statt?

Noch 1960 war anlässlich eines internationalen Treffens protestantischer Frauen auf dem Flugplatz Sembach gefordert worden, endlich „gegenseitige Vorurteile zu beseitigen“, die dadurch entständen, dass man „trotz engster und bereits jahrelanger Nachbarschaft wenig voneinander“ wisse. Tatsächlich scheint der Kontakt zwischen beiden Völkern in den ersten vier Jahren des Bestehens der Air Base intensiver gewesen zu sein als nach 1957, als er aus nicht ersichtlicher Ursache, vielleicht nachlassender Neugierde auf die Lebensweise des Fremden, auf privater Ebene mehr und mehr nachließ. Die Amerikaner konzentrierten sich in ihrer Freizeitgestaltung zunehmend auf das nahe Kaiserslautern, was allerdings nicht bedeutet, dass die Gaststätten in Sembach unter fühlbarem Kundenmangel zu leiden hatten.

Das Sprachproblem besteht bis heute; es läßt sich vielfach beobachten, dass amerikanische Soldaten sich von der deutschen Umgebung abkapseln und kein Deutsch lernen, was wegen des oftmals geringen Bildungsstandes und der kurzen Stationierungsdauer amerikanischer Soldaten an einem Ort wohl auch zuviel verlangt wäre. Die deutsche Sprache wurde 1958 aus dem Lehrplan der amerikanischen Schulen in Deutschland genommen. 1960 wurde sie wieder eingeführt, jedoch zielte der Unterricht nur auf die Vermittlung von Elementarkenntnissen ab. Im Zuge der Entwicklung dieser neuen Technik wurde 1962 in Sembach wie auf andern US-Stützpunkten ein Sprachlabor eingerichtet, in dem Soldaten angeblich innerhalb von 60 Unterrichtsstunden Deutsch oder eine andere Fremdsprache lernen konnten. Kenntnisse der Sprache des Gastlandes waren damals nicht sehr weit verbreitet. Ein ehemaliger deutscher Zivilangestellter erzählte im Interview, wie er von einem amerikanischen Offizier nach den Verhältnissen in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges gefragt wurde. Ein ernsthaftes Gespräch über diese Frage scheiterte in diesem Fall an den beiderseits zu geringen Sprachkenntnissen, obwohl der Offizier schon mehrfach in Deutschland gewesen war. Diese Situation war wohl symptomatisch für den Umgang zwischen Deutschen und Amerikaner, vor allem in einer Zeit, als die meisten erwachsenen Deutschen in der Schule kein Englisch gelernt hatten: Man konnte sich zur Not über einfache Dinge verständigen, doch Gesprächen über kompliziertere Fragen musste man aus dem Wege gehen. Nur die Kinder kümmerten sich nicht um Sprachprobleme und spielten auch bei fehlender Verständigungsmöglichkeit miteinander. In diesem Zusammenhang wäre es interessant zu wissen, ob sich bei deutsch-amerikanischen Veranstaltungen beide Seiten vermischten, oder ob sie jeweils innerhalb ihrer Gruppe blieben, als zwei geschlossene Blöcke weitgehend getrennt voneinander dieselbe Veranstaltung besuchten. Für die Amerikaner war und ist es jedenfalls leicht, ihr Leben auf den Stützpunkt zu beschränken, der alle Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung bietet. Zumindest in den ersten Jahren des Bestehens der Air Base gab es ein rege internes Gesellschaftsleben, feierten doch die Amerikaner – begünstigt durch die hohe Kaufkraft des Dollars – von den Offiziersfrauen organisierte „ Partys am laufenden Band“.

Zweifellos bestanden und bestehen in der Umgebung der Air Base Sembach enge Kontakte zwischen den Spitzen der deutschen Verwaltung und der Flugplatzkommandantur. Schon in der Aufbauphase des Stützpunktes ab Sommer 1953 leisteten die Bürgermeister umliegender Orte den Amerikanern tatkräftige Hilfe bei der Organisation von Nachschubtransporten. Die Bürgermeister von Enkenbach und Alsenborn wurden hierfür ausdrücklich gelobt. Die Amerikaner hielten laufend Kontakt zu den Bürgermeistern der Umgebung, um anstehende Probleme zu klären und eine reibungslose Zusammenarbeit zu gewährleisten. Nach einiger Zeit bildete sich der Brauch heraus, zweimal pro Jahr einen sogenannten „Bürgermeistertag“ auf dem Flugplatz Sembach abzuhalten. Bürgermeister und die Spitzen der Verwaltung aus den Kreisen Rockenhausen, Kirchheimbolanden und Kaiserslautern besuchten die Air Base, wo – nach den Berichten der Tagespresse zu urteilen – in eher zwangloser Atmosphäre Versammlungen abgehalten wurden, die mehr der Herstellung eines guten Kontaktes als der Lösung schwerwiegender Probleme dienten. Dasselbe Ziel wurde wohl verfolgt, wenn deutsche Vertreter zu Kommandowechselzeremonien und ähnlichen Anlässen auf die Air Base eingeladen wurden.

Diese offiziellen Treffen waren die Keimzelle für Aktivitäten, die auch weitere Kreise beider Seiten zusammenführen konnten. So wurde 1955 anlässlich einer Besichtigung der Air Base Sembach durch Vertreter deutscher und französischer Stellen aus dem Kaiserslauterner Gebiet die Gründung eines internationalen Clubs geplant, der 1956 als „Deutsch-amerikanischer Presseklub Kaiserslautern“ aus der Taufe gehoben wurde. Offiziere und Unteroffiziere der Sembach Air Base waren an dieser Gründung maßgeblich beteiligt, obwohl die Aktivitäten des Klubs hauptsächlich in Kaiserslautern stattfinden.

Anstoß zur Vertiefung der Beziehungen boten auch Veranstaltungen, in denn den Amerikanern offiziell für die Hilfe gedankt wurde, die sie in den Dörfern der Umgebung leisteten. So wurden z.B. 1959 anlässlich einer solchen Feierstunde „ in mehreren Fällen neue persönliche Freundschaften zwischen Amerikanern und Einheimischen geschlossen“. Erschwert wurden solche Freundschaften allerdings durch die Tatsache, dass ein Teil der in Sembach stationierten Soldaten in Kaiserslautern, Ramstein oder Landstuhl wohnte.

Insgesamt scheint jedoch eher Skepsis angebracht, ob die Kontakte der deutschen Bevölkerung zu den amerikanischen Soldaten wirklich so eng und freundschaftlich waren, wie in Festtagsreden gerne behauptet wurde. Zwischen reiner Akzeptanz und vollständiger Integration der amerikanischen Truppen besteht ein weiter Unterschied. Zumindest aber lässt sich für das deutsch-amerikanische Verhältnis in Sembach feststellen, dass es trotz der schweren Hypothek der Auseinandersetzungen um die Landbeschlagnahme 1951-1952 zu keinen größeren Spannungen kam. Wo Deutsche und Amerikaner zusammentrafen und zusammentreffen, verkehrten und verkehren sie in der Regel freundschaftlich miteinander.


Aus: "U.S. Air Base Sembach: Von der ersten Landbeschlagnahme zu Abzug und Konversion" von Winfried Herget und Walter G. Rödel aus dem Jahr 1995


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