7. Fluglärmproteste 1988

Natürlich gab es Ausnahmen von dieser Regel. Um die Jahreswende 1987/88 nahmen z.B. „die Beschwerden über den vom Flugplatz Sembach ausgehenden Fluglärm immer mehr“ zu. Es waren zunächst hauptsächlich Bürger aus dem östlichen von Sembach gelegenen Neuhemsbach, die sich darüber beschwerten, dass amerikanische Piloten in den Abendstunden ihre Maschinen über dem Ort kreisen ließen, anstatt „wie vorgeschrieben, vor dem Ortsteil Heinzental“ abzudrehen. Obwohl der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Enkenbach-Alsenborn vermittelnd eingriff und das Problem auf einer Sitzung des Flugplatzausschusses zur Sprache brachte, konnte keine Lösung gefunden werden: Die amerikanische Seite fühlte sich durch den Tonfall des ersten Protestschreibens zu Recht beleidigt. Der damalige Base Commander, Col. Zehrer, verwies auf die seines Erachtens ausreichenden Bemühungen, den Fluglärm auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Die Erfüllung des Auftrages der Air Base, „to fly for the freedom of our nations“, erzeuge unvermeidlich Lärm und die Neuhemsbacher Bürger würden das Unmögliche verlangen, wenn sie Einschränkungen des Flugverkehrs forderten.

Eine Verlegung der Flugrouten wurde erwogen, erwies sich jedoch als unmöglich, da sonst mit Enkenbach und Mehlingen größere Orte als Neuhemsbach betroffen gewesen wären, die zudem zwei Altersheime beherbergen.

Das Problem war damit jedoch noch nicht aus der Welt geschafft. Möglicherweise mitangeregt durch den schweren Flugunfall bei einer Flugschau in Ramstein im Sommer 1988 wurden die Neuhemsbacher Beschwerdeführer und andere Bürger aus der Umgebung wieder aktiv. Im August hatten sie durchschnittlich 60 an- und Abflüge pro Tag gezählt, die zwischen 7.00 und 22.00 Uhr Lärm und Abgase erzeugten. Eine Häufung wurde in der Mittagszeit festgestellt. Angeblich flogen dann eineinhalb Stunden lang alle zwei bis drei Minuten Tiefflieger über Neuhemsbach, d.h. 30 bis 45 von täglich 60 Maschinen, was unglaubwürdig erscheint. Es wurde auf (aus Sicht eines Nicht-Fachmannes) unnötige Flugrunden und auf die Gefahr eines Absturzes in bewohntes Gebiet hingewiesen. Ohne Beachtung der Ergebnisse der diesbezüglichen Erwägungen zu Jahresbeginn wurde eine Flugroutenänderung gefordert. Als Zumutung empfand man das morgentliche Überprüfen der Flugzeugmotoren, die zu diesem Zwecke schon um 6.00 Uhr am Boden gestartet wurden, was je nach Windrichtung die Bevölkerung der benachbarten Orte weckte. Bürgermeister Buch legte die Beschwerden dem neuen Base Commander Col. Mitchell vor, der im selben Sinne wie sein Vorgänger zu den Protesten Stellung bezog.

Damit gab man sich auf der deutschen Seite nicht zufrieden. Auf das Nicht-Einhalten der vorgeschriebenen Flugrouten und den morgentlichen Probelauf der Motoren machten weitere Bürger der Verbandsgemeinde Enkenbach-Alsenborn aufmerksam. Bürgermeister Buch wurde daher in diesen Fragen erneut bei Col. Mitchell vorstellig. Gleichzeitig machte er den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Vogel und den damaligen Bundesverteidigungsminister Scholz auf die Problematik aufmerksam. Dieser sah sich im Sommer und Herbst 1988 allerdings mit einer bundesweiten Protestwelle gegen Fluglärm konfrontiert. Er konnte daher nicht seine ungeteilte Aufmerksamkeit dem Fall Sembach zuwenden. Da er zudem keine rechtlichen Möglichkeiten hatte, der US-Luftwaffe in puncto Flugbetrieb Vorschriften zu machen, konnte er nicht viel mehr tun, als seinerseits die höheren amerikanischen Kommandostellen über die Proteste zu informieren und Bürgermeister Buch durch Staatssekretär Würzbach Verständnis zu signalisieren.

Als im Oktober 1988 bekannt wurde, dass im folgenden Jahr einige Jagdflugzeuge vom Typ F-16 Fighting Falcon aus Ramstein für die Dauer von Renovierungsarbeiten der dortigen Start- und Landebahn für einige Monate in Sembach stationiert werden sollten, intensivierte sich die Protestbewegung. In Neuhemsbach wurde eine Bürgerinitiative gegründet, der sich auch Bewohner anderer Orte der Umgebung anschlossen. Man sammelte über 600 Unterschriften gegen den Fluglärm und gab der Furcht vor Flugunfällen Ausdruck. In diesem Zusammenhang wies man darauf hin, dass die mangelhafte Vorsorge für Flugsicherheit „ den Flugbetrieb mit schweren Kampfflugzeugen von Sembach aus in Friedenszeiten“ verbiete. Da auf der Sembach Air Base Lärmschutzbauten für die Wartung von Düsentriebwerken fehlten, wurde auch eine erhebliche Steigerung des vom Boden ausgehenden Lärmpegels erwartet.

Unterstützung fanden die Bürgerproteste bei den Räten der Verbandsgemeinde Enkenbach-Alsenborn und der Ortsgemeinden Sembach, Neuhemsbach und Mehlingen, die im Dezember in gleichlautenden Resolutionen forderten, von der Stationierung der F-16 in Sembach abzusehen. Die damalige Bundestagsabgeordnete Dr. Rose Götte richtete eine Anfrage an die Bundesregierung, in der diese dazu aufgefordert wurde, zum Fall Sembach Stellung zu nehmen. Die Antwort fiel aus Frau Göttes Sicht „enttäuschend“ aus: Staatssekretär Wimmer vom Bundesverteidigungs-ministerium wies auf das bisher im Vergleich zu anderen NATO-Flugplätzen geringe Flugaufkommen in Sembach hin. Erst mit den durch die Verlegung der F-16 zu erwartenden zusätzlichen 40 Starts und Landungen pro Tag sei das Flugaufkommen eines durchschnittlichen Militärflugplatzes in der Bundesrepublik erreicht. Daher sei Sembach mehr als viele andere Flugplätze geeignet, für die Dauer der Bauarbeiten in Ramstein die Jagdflugzeuge aufzunehmen. Im übrigen sei eine solche Verlegung „übliche Praxis bei der Luftwaffe und zur Aufrechterhaltung der Einsatzbereitschaft notwendig“.

Die Bundesregierung sehe daher keine Veranlassung dazu, gegen die Verlegung der F-16 Einspruch zu erheben.

So blieben die Proteste letztlich wirkungslos. Um den Anstieg der Lärmbelastung dokumentieren zu können, gab die Verbandsgemeinde Enkenbach-Alsenborn ein Gutachten in Auftrag, für das umfangreiche Schallmessungen durchgeführt wurden. Es ergab eine eindeutige Steigerung des Lärmpegels durch die F-16.

Das die amerikanischen Flugplatzkommandanten und die sich beschwerenden Bürger keine Einigung erzielen konnten, lag wohl an der in den jeweiligen Briefen deutlichen Unterschied der Perspektive, aus der das Problem Fluglärm betrachtet wurde: Die Deutschen sahen ihr persönliches Wohlbefinden und ihre Sicherheit gefährdet. Sie stellten keine Vergleiche mit den weitaus höheren Belastungen an, denen die Nachbarschaft anderer Militärflugplätze ausgesetzt war und ist, sondern gaben einem rein subjektiven Empfinden Ausdruck, das sich auf die kleinräumige Einzelerfahrung Sembach stützte.

Für die Amerikaner hingegen stand bei der Beurteilung des Problems die Erfüllung ihres Auftrages, der Verteidigung Westeuropas, im Vordergrund. Überspitzt formuliert: Ihnen war die Sicherheit von Millionen von Menschen wichtiger als die Mittagsruhe einiger Neuhemsbacher. Zudem war es ihnen wohlbekannt, dass von anderen Flugplätzen höhere Belastungen ausgingen als die Sembach Air Base sie verursachte. Für die Probleme der umwohnenden Bevölkerung konnten sie daher nur wenig Verständnis aufbringen.

Die Vorgänge des Jahres 1988 beleuchten beispielhaft den Umgang zwischen der Flugplatzkommandantur der Sembach Air Base und der deutschen Kommunalverwaltung, die in diesem Jahr von Herrn Buch repräsentiert wurde: Man diskutierte die Probleme offen in einer vertrauensvollen Atmosphäre. Bürgermeister Buch erschien zunächst als Vermittler zwischen den sich beschwerenden Bürgern und den Amerikanern, bis der Plan zur Verlegung der F-16 nach Sembach eine Änderung der Situation herbeiführte. Die allgemein als Zumutung empfundene Stationierung von Jagdflugzeugen machte nicht nur einzelne Bürger, sondern auch die Gemeinderäte der Umgebung zu Protestierenden. Obwohl also Herr Buch seine vermittelnde Position aufgab und eindeutig auf eine Seite trat, kam es zu keiner Verschärfung des Umgangstons mit dem Base Commander Col. Mitchell. Auch eine kurzzeitige Irritation konnte das in Jahrzehnten gefestigte gute Verhältnis zwischen den deutschen und amerikanischen Stellen nicht ernsthaft trüben.


Aus: "U.S. Air Base Sembach: Von der ersten Landbeschlagnahme zu Abzug und Konversion" von Winfried Herget und Walter G. Rödel aus dem Jahr 1995


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