| 8. Konversion |
Ende 1993 wurde bekannt, dass die Amerikaner die Sembach Air Base in Zukunft nur noch als Nebenstelle des Flugplatzes Ramstein nutzen wollen. Nur noch die Anlagen auf dem Heuberg werden zukünftig als „Housing and Administration area“ dienen, der eigentliche Flugplatz wird an die Bundesrepublik zurückgegeben. Der Bund wird als Eigentümer der Liegenschaft die Vermarktung und Finanzierung einer zivilen Anschlussnutzung des Flugplatzes übernehmen, deren Form jedoch in Zusammenarbeit mit dem Land Rheinland-Pfalz und den betroffenen Kommunen festgelegt werden soll. Zu diesem Zweck wurde eine „Arbeitsgruppe Konversion“ gebildet, deren Tätigkeit vom Bürgermeister der Verbandsgemeinde Enkenbach-Alsenborn, Herrn Buch, koordiniert wird.
In ähnlich drastischen Worten wie schon 1951 bei den Protesten gegen das Kommen der Amerikaner wurde nun das Gehen als eine wirtschaftliche Katastrophe für die Umgebung bezeichnet. Sembach schien wirtschaftlich „in der Luft“ zu hängen. Nun waren „Ideen gefragt“, um die ökonomischen Folgen der Truppenreduzierung aufzufangen und das Flugplatzgelände, das wie andere Militärstützpunkte auch einer ökologischen Sanierung bedarf, sinnvoll zivil zu nutzen. Vorteilhaft wirkt es sich dabei im Fall Sembach aus, dass die Wirtschaftsstruktur der Umgebung nicht völlig auf die Air Base ausgerichtet ist, sondern auch „eine tragende – zivil geprägte – regionale Wirtschaftsstruktur“ existiert.
Die etwa 400 deutschen Zivilangestellten mussten um ihre Arbeitsplätze fürchten, nachdem ihre Zahl schon in den zurückliegenden Jahren zugunsten amerikanischer Zivilangestellter reduziert worden war. Zwar konnte durch eine Vorruhestandsregelung und den Wechsel eines Teils der Beschäftigten nach Ramstein das Problem verringert werden, dennoch wurden bis zum Herbst 1994 ca. 270 Kündigungen ausgesprochen, gegen die die ÖTV beim Arbeitsgericht klagte. In der Mehrzahl der Fälle wurde das Verfahren mit einem Vergleich beendet.
Die US-Luftwaffe war in der Frage der Zivilangestellten nur soweit zur Kooperation bereit, wie es für sie keine zusätzlichen Kosten verursachte. Diese Bedingung war nur durch eine Änderung des Arbeitsförderungsgesetzes zu erfüllen.
Schließlich gelang es, die Zahl der Kündigungen auf 110 zu verringern. Insgesamt 180 Beschäftigte wurden nach Ramstein umgesetzt. Trotzdem ist durch den Abzug der Amerikaner die Arbeitslosenquote in der Umgebung von Sembach fühlbar auf etwa 13 bis 14 % gestiegen.
Die rheinland-pfälzische Landesregierung unter Ministerpräsident Beck sieht sich im Zuge des derzeitigen Truppenabbaus mit ca. 330 militärischen Liegenschaften mit einer Gesamtfläche von 7800 ha konfrontiert, die zur zivilen Umnutzung freigegeben wurden. Die insgesamt fünf aufgegebenen Flugplätze bilden hierbei die größten Einzelflächen, denen daher besonderes Augenmerk geschenkt werden muss. Dies wurde bei einer Kabinettssitzung deutlich, die Ende Mai 1995 im Rathaus der Verbandsgemeinde Enkenbach-Alsenborn stattfand. Wirtschaftsminister Brüderle kündigte die Ausarbeitung eines sinnvollen Nutzungskonzeptes für die etwa 240 ha große Flugplatzfläche an, eine „Entscheidung über die zivile Anschlussnutzung“ sei noch nicht gefallen.
Gemäß der Ankündigung des Wirtschaftsministers wurde eine „Konversions-Arbeitsgruppe“ gebildet, in der die verschiedenen Möglichkeiten für eine zivile Nutzung des Flughafengeländes diskutiert werden. Im Juni 1995 legte die Architekten- und Ingenieurgemeinschaft Kaiserslautern drei Modelle einer möglichen Konversion vor: Eine Nutzung als Zivilflughafen in Verbindung mit einem Businesspark, die Einrichtung eines Gewerbe- und Industrieparks und ein „ Pilotprojekt ökologische Konversion“. Diese Form der Umnutzung sieht die Renaturierung des größten Teils der ehemaligen Air Base vor, nämlich von insgesamt 180 ha. Weitere 50 ha sollen als Gewerbefläche, 12 ha als Mischgebiet und 5 ha als Freizeitfläche ausgewiesen werden.
Die Planungsgemeinschaft Westpfalz empfiehlt die Errichtung eines Gewerbeparks „mit technisch-ökologischer Ausrichtung“, wobei hauptsächlich Unternehmen angesiedelt werden sollen, die Dienstleistungen im Recyclingbereich anbieten, für den „ein besonderes Potential“ festgestellt wurde. Um diesen einen Anreiz zu bieten, sollen zusätzlich Forschungseinrichtungen auf der ehemaligen Air Base eingerichtet werden. Die unversiegelten Flächen, also die umfangreichen Grasflächen, sollen einer „ökologischen Gestaltung“ zugeführt werden. Auf dem Flugplatzgelände wurden immerhin sieben gefährdete Vogel- und Insektenarten entdeckt. Eine vollständige Renaturierung des Geländes kommt jedoch nicht zuletzt wegen des hohen Kostenaufwandes nicht in Frage.
Die erste Lösung, die Einrichtung eines Zivilflughafens, die schon in den 1980er Jahren diskutiert worden war, wurde in einem für das Mainzer Wirtschafts- und Verkehrsministerium erstellten Gutachten als wenig chancenreich bezeichnet, da hohe Kosten anfallen würden und in Rheinland-Pfalz ohnehin nur geringer Bedarf an einem weiteren Flugplatz bestehe. Zudem wurden zumindest von einem Teil der Bevölkerung Proteste wegen der Lärmbelästigung erwartet. Als Güterverkehrszentrum eignet sich Sembach wegen des fehlenden Bahnanschlusses ohnehin nur bedingt, so dass es beispielsweise mit dem ebenfalls von den Amerikanern geräumten Flugplatz Hahn in diesem Bereich nur schwer konkurrieren könnte. In „Qualität und Ausbaufähigkeit“ ist zudem die Sembacher Start- und Landebahn wie auch die Pferdsfelder denen der anderen rheinland-pfälzischen Militärflugplätze unterlegen.
Für die „traditionelle gewerblich-industrielle Nutzung“ des Flughafengeländes, also die Ansiedlung von Industrie und Gewerbe, besteht in der Region eine zu geringe Nachfrage an Ansiedlungsflächen. Die Schaffung eines 240 ha großen Gewerbegebietes überstiege daher den Bedarf um ein Vielfaches, so dass dies keine Lösung der Konversionsproblematik bringen würde. Doch selbst wenn die gewerbliche Nutzung auf die ca. 30-40 ha große bereits versiegelte Fläche beschränkt würde, bestünde nur geringe Aussicht auf eine volle Auslastung des Geländes, da der „Faktor Fläche nicht Engpassfaktor“ im Wirtschaftsleben der Region Westpfalz ist.
In jedem Fall müssen die Flugzeugbunker, für die es keine sinnvolle zivile Nutzung gibt, unter hohen Kosten abgerissen werden.
Der Gemeinderat Mehlingen favorisiert das „Pilotprojekt ökologische Konversion“, während aus dem Sembacher Rat Stimmen laut wurden, die eine Weiternutzung als Flugplatz zumindest nicht ausschließen wollen. Der Rat der Verbandsgemeinde Enkenbach-Alsenborn entschied für die „ökologische Konversion“, für ein „Industriegebiet neben (einem) Gewerbegebiet“ ohne Flugnutzung. Möglicherweise wird sich in der Nähe das Unternehmen "Center Parcs" ansiedeln und so neue Arbeitsplätze schaffen. Doc die Sembacher sprachen sich in einer Einwohnerversammlung dafür aus, die Option einer zukünftigen Flugnutzung offen zu halten. Für sie steht die Schaffung neuer Arbeitsplätze im Vordergrund des Interesses. Es bleibt abzuwarten, ob und wie man in der Umgebung der Sembach Air Base den Abzug der bei ihrem Kommen so bekämpften Amerikaner wirtschaftlich verkraftet. „Schnelle Erfolge werden (jedenfalls) nicht zu haben sein“.
Aus: "U.S. Air Base Sembach: Von der ersten Landbeschlagnahme zu Abzug und Konversion" von Winfried Herget und Walter G. Rödel aus dem Jahr 1995